Die Zukunft der Führung führt zu einer Entschlackung hierarchischer Strukturen und hin zu Verantwortungseigentum mit einer Entkoppelung von Unternehmenszielen und Gewinn. Warum?

Teil I.: Arbeit und Führung im Wandel der Jahrhunderte
Teil II.: Silberrücken als Überbietungsathleten
Teil III.: Die Zukunft hat schon begonnen: Arbeiten im DAO

Im Mittelalter dominierte in unserer landwirtschaftlich geprägten Gesellschaft der Kampf um das tägliche Überleben und Arbeit war ein notwendiges Übel dazu, wobei sich die Menschen darüber nur wenig weiterführende Gedanken machten. Wenn doch, dann waren diese Überlegungen durch die Bildungshoheit der Kirche eher theologisch geprägt, wie im Gegensatz von Müßiggang und Pflichterfüllung schon an der Wortwahl deutlich wird. Im Mittelalter gab es keine Frage nach der Sinnhaftigkeit der täglichen Arbeit, denn die ergab sich aus den kleinen Arbeitsgemeinschaften und den täglichen Notwendigkeiten des Überlebens. Also jeder wusste welchen Beitrag er leistete und wozu und eine Work-Life-Balance ergab sich automatisch durch die Sonnenzeiten, also im Sommer viel Arbeit und im Winter eher wenig. Führung z.B. durch einen Abt wurde erlebt und nicht hinterfragt und durch die hierarchische Festlegung war das Wort Gesetz.

Mit Beginn der industriellen Revolution kam es dann zu einer Entfremdung der Arbeitskraft, denn Arbeiter am Fließband waren nur noch Teil einer Produktionskette und der Überblick und damit die Sinnhaftigkeit ging ein Stück verloren, wobei der tägliche Existenzkampf jegliches weitere Gedankengut dazu dominierte und damit unterdrückte. Aber mit Fortschreiten der industriellen Entwicklung, Ausbeutung unserer Rohstoffe und sensationellem Erfindergeist wie die Erfindung der Glühbirne (Göbel 1854), des Telefons (Reis 1859) oder das erste Motorrad bzw. Auto (Daimler und Benz 1885), die die Welt eroberten, erlangten nun auch nebst den Klerikern immer mehr Bürgerliche höhere Positionen und damit Führungsaufgaben. Während im Mittelalter mit Führung eher Tugenden in Zusammenhang gebracht werden, wie z.B. Fleiß, Verantwortung und Gottesfürchtigkeit, entwickelte sich weg von diesen Tugenden und positiven Führungseigenschaften nun ein Trend hin zur Persönlichkeit, Charisma und Personenkult, der bis heute andauert. Mit Beispielen dazu sind die Bibliotheken übervoll, leider nur in der Quantität und nicht Qualität.

Teil II.: Silberrücken als Überbietungsathleten

Am Ruder der Entscheidungen sitzen im 21. Jahrhundert, der Zeit der digitalen Transformation, in Politik, Wirtschaft und Kirchen – also in der Breite der Gesellschaft – vielfach Silberrücken, die in einer Zeit (Nachkriegszeit) ihre Kompetenzen erworben haben, die ausreichten, um in der Vergangenheit erfolgreich zu sein. Diese Überbietungsathleten lieben bis heute das anachronistische personenkonzentrische Konzept der Führung (haben auch nichts anderes gelernt) – Führungskraft ist aktiv-gebend-treibend und Mitarbeiter ist passiv-empfangend-angetrieben – und sind getrieben durch die eigene Profitgier, die ab einem 100 fachen (oder mehr) des durchschnittlichen Verdienstes eines Mitarbeiters des eigenen Unternehmens erst einmal ein breites Grinsen ins Gesicht zaubert und keineswegs selbstkritisch die Frage aufkommen lässt, ob die eigene Wertschöpfung dem entspricht. Als Ultima Ratio der Führung dieser Gattung Chefs gilt die Verführung durch Handy, Bonus und Firmenwagen, die die Mitarbeitenden dann vom WOLLEN zum SOLLEN dressiert und vom Subjekt zum Objekt degradiert. Dabei ist Hierarchie das Götzenbild für den eigenen Thron, dass selbst das Heraushängen der Regenbogenfahne im Thema Diversität als Marketing-Gag entlarvt. Corona hat nun diese Berichtslinien durcheinandergewirbelt und den Denkapparat der Mitarbeitenden ins Grübeln gebracht: will ich weiter der blinden Profitgier folgen und mich ausbeuten lassen oder gibt es einen anderen Weg?

Teil III.: Die Zukunft hat schon begonnen: Arbeiten im DAO

Corona war der Triebkraft für viele Mitarbeiter, um über die persönliche Situation zu reflektieren und eine Neubewertung der eigenen Arbeitssituation vorzunehmen und nach interessanten und sinnerfüllenden Arbeitsinhalten zu suchen, nebst einem wertschätzenden Umfeld. Das Ergebnis in Amerika nennt man The Great Resignation (Psychologe Anthony Klotz) und in Europa erwartet man den The Big Quit. Aktuelle Studien von PWC (Hopes & Fears 2022) und Gallup (Engagement Index 2021) rechnen erbarmungslos mit der Personalarbeit und Führung in deutschen Unternehmen ab. Auf dem Stundenzettel der Mitarbeitenden stehen viel zu viele Arbeitsstunden, die Bezahlung wird als nicht angemessen erlebt und mangelnde Wertschätzung und zu wenig Sinnhaftigkeit der Arbeit runden die Summe der Negativfaktoren ab. Das Ergebnis ist: noch nie waren so viele Beschäftigte freiwillig auf Jobsuche.

Das neue Credo der Arbeit heißt: mitbestimmen | teilhaben | dezentral arbeiten mit Gleichgesinnten auf der ganzen Welt und in einer virtuellen Welt | Teil eines Großen Ganzen zu sein | selbstbestimmtes Arbeiten für sich, nicht für andere | – mit einem Wort, arbeiten in einem DAO (Dezentral autonome Organisation). Es gibt kein Management in einem DAO, sondern die Organisation ist im Besitz der Mitglieder selbst nach demokratischem Vorbild, also im Verantwortungseigentum. Wie bei einer GmbH mit einer Stiftung als Gesellschafter gehört das Unternehmen quasi sich selbst bzw. den Mitgliedern, ähnlich wie bei den Firmen Bosch, Zeiss oder Mahle als etablierte Unternehmen oder Einhorn, Ecosia und Farmee aus der Start-Up Szene. Im DAO werden Gewinne reinvestiert oder gespendet und sind so Mittel zum Zweck und kein Selbstzweck und somit kommt es zu einer Entkoppelung von Unternehmenszielen und Gewinn. Die Steuerung der Organisation erfolgt über Smart Contracts, die auf der Blockchain Technologie basieren und ausgelegt sind auf eine demokratische Unternehmensorganisation der Mitglieder. Hier entsteht eine epochale, neue Form der Arbeit und auch Zusammenarbeit, die die Welt verändert, weg von Hierarchie und hin zu Demokratie. Es ist Zeit, Arbeit neu zu organisieren: All-Profit-Leadership!

Die Zukunft hat schon begonnen. Beispiele:
VitaDAO | BitDAO | Friends with Benefits DAO | DeepDAO

Quellen: Prof. T. Ertl, FU Berlin | Insa Schniedermeier, t3n Magazin Nr. 67 | Prof. R.K. Sprenger, Radikal führen Campus Verlag, Prof. Gerald Hüther | PWC Studie Hopes & Fears 2022 | Gallup Studie Engagement Index 2021 |

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